Samstag, 29. Mai 2021

Haiku – Frühling




Buschwindröschen schon
im Kalender rot markiert
deine Anreise

im "Sommergras" der DHG Nr. 125 Juni 2019




Tränendes Herz 
sie bleibt allein
beim Rendezvous



Taufgottesdienst
im Wind das Nicken
der Schneeglöckchen

im Jahrbuch 2016 "Südwind" (Haiku heute)



Gleitschirmflieger  
das Schellen der Kuhglocken  
kreist um den Berg 



paragliders
the ringing of cowbells
circles the mountain

Chrysanthemum Nr. 18. Oktober 2015



Schlehdorn blüht
übers Flussufer schwappt
der Nebel

im Jahrbuch 2015 "Zwiegespräch mit dem Irrlicht" (Haiku heute)








Seifenblasen —  
Menschen, die ihre Träume  
einschließen  



soap bubbles —
people who lock up
their dreams

Chrysanthemum Nr. 16. Oktober 2014 



blauer Waldmeister die staunenden Augen eines Mädchens

im Jahrbuch 2014 "Unter dem Milchschaumherz" (Haiku heute)



erstes Frühlingsgrün
seine Hosennaht platzt
beim Purzelbaum

Haiku Heute Ausgabe April 2012








sein Lebensfunke
erloschen, am Kirschbaum
blühen tausend auf

für Hans Lesener
Haiku Heute Ausgabe April 2012




dem Deich folgen
bis zum nächsten Gatter
zum nächsten Deich



Haiku-Wettbewerb "Wo die Weite wohnt" Hamburger Haiku Verlag




auf dem Klavier
der Frühling stolpert
beim hohen c

im "Sommergras" der DHG Dezember 2011



Distelblüten
in seinen Augen weitet sich
der Himmel

im "Sommergras" der DHG Dezember 2011








wachsender Mond –
sein Zeigefinger berührt
die dunkle Linie

growing moon -
his forefinger touches
the dark line

Haikuscope Kurzgedicht der Woche 8. Woche 2011



her raven-black hair
whitened with cherry petals
on her way to church

Vancouver Cherry Blossom Festival 2011 Honorable Mentions



cherry blossoms
loaded on the truck
of the little boy

Vancouver Cherry Blossom Festival 2011 Honorable Mentions






in der Dachrinne
die junge Amsel
spreizt ihre Flügel



Der Apfelbaum blüht –
unter dem Glockenturm
wartet die Braut



Bushaltestelle 
ein Entenküken schwimmt
aus der Reihe

im "Sommergras" der DHG September 2010




Weißer Flieder 
nach einer Weile ruhiger
das Wasser vom Wehr

Haiku Heute Ausgabe Juli 2010



Heavy Metal
den Auwald überfluten
Schlüsselblumen

Haiku Heute Ausgabe August 2010



auch der Hund
scheint dem Kuckuck zu lauschen
wieder atmen

Haiku Heute Ausgabe August 2010



Tonleiter klettern
zu den Kirschblüten hinauf,
tanzen im Duett

im "Sommergras" der DHG September 2009








für einen Atemzug
Duft von Pflaumenblüten

im "Sommergras" der DHG Juni 2008



Frühlingsanfang 
der alte Dackel springt
über den Graben

im Jahrbuch 2007 "Große Augen" (Haiku heute)



Scheidungstermin 
Blatt für Blatt fallen Blüten
von der Magnolie.

im Jahrbuch 2007 "Große Augen" (Haiku heute)



von weitem schon
in all dem Grün
das Ginstergelb



Dicke Schneedecke 
vorübergehend schließen
die Winterlinge

im saijiki auf haiku.de 
des HHV (existiert nicht mehr)



Die Nachtigall singt.
Im verwilderten Garten
führt kein Weg zum Haus.

in "Kalenderblätter" 15.08.2007 www.haiku-wortart-forum.de








Amphitheater – 
aus den Ritzen der Stufen 
junges Grün 

englische und deutsche Version SPERLING Nr. 15 - 19. April 2007 


amphitheatre  
in chinks of the steps 
young green 

englische Version am 02.05.2006 bei The Mainichi Daily News







Maiglöckchenzweige   
und ein Spitzentaschentuch  
auf dem Gesangbuch 

im saijiki auf haiku.de des HHV (existiert nicht mehr)



Eine Schale Tee – 
das klare Quellwasser 
im Grün der Berge 

im Jahrbuch 2006 der DHG



Freitag, 28. Mai 2021

Haiku – Sommer




Sommerurlaub 
am Teich 
Wolken fischen

im Jahrbuch 2018 "Morgennachrichten" (Haiku heute)



raue Laute
am Schatten hält sich
ein Schatten

im "Sommergras" der DHG Nr. 119 Dezember 2017



Bergwanderung 
mit Sonne gefüllt
die Viehtränke

im "Sommergras" der DHG Nr. 118 September 2017



Zimmer mit Meerblick
das Kräuseln von Mutters Lippen
wenn etwas nicht passt

im Jahrbuch 2017 "Leichte Fracht" (Haiku heute)






auf Muschelsuche
ein Kind fängt Gischtflocken
aus dem Wind

im Jahrbuch 2016 "Südwind" (Haiku heute)



Hungersteine – 
zwei Jugendliche 
beim Containern

im Jahrbuch 2015 "Zwiegespräch mit dem Irrlicht" (Haiku heute)



Malerpalette ...
der Himmel teilt sein Blau
mit dem Bergsee

im Jahrbuch 2015 "Zwiegespräch mit dem Irrlicht" (Haiku heute)



die Uhr steht
hinter geschlossenen Augen
das Mohnfeld



the clock stopped
behind closed eyes
the field of poppies

Chrysanthemum 14, Oktober 2013






Lavendelduft
die gelebte Zeit
im Spiegel

Haikuscope 12. Woche 2013



die Nachbarn streiten
und der Regen schlägt Blasen —
eigentlich Sommer



the neighbours argue
and the rain's punching bubbles —
actually summer

Chrysanthemum  13, April 2013



Sonnensplitter
der Glasbläser formt
eine Kugel

im Jahrbuch 2013 "Entropie der Worte" (Haiku heute)



Ewiges Meer
zwischen Wollgrasblüten
flattert der Wind

Haiku Heute Ausgabe Juni 2012








Wollgräser im Wind 
über dem Ewigen Meer
Schwalben hin und her

haiku.de 4. Juni 2012




alte Standuhr
ihre Stimme pendelt durch
den Sommersturm

Haiku Heute Ausgabe Mai 2012



Sommerhitze  
ich suche den Schatten  
deiner Gedanken 



Summer heat
I am searching for the shadow
of your thoughts

Chrysanthemum 10, Oktober 2011



Rosen für mich
Meereswellen rollen
den Strand hinauf

Haiku Heute Ausgabe Juni 2011






wirbelnder Staub
an der Stadtmauer
ein neues Herz

Haiku Heute Ausgabe Juni 2011



die Seifenblasen
ins Abendlicht steigen
Xylophonklänge

haiku.de 3. Mai 2011



Tequila sunrise
an meine Seite schmiegt sich
eine Glückskatze

Anthologie zum Haiku-Wettbewerb 2010 "Katzen Haiku - Haiku Katzen" Hamburger Haiku Verlag




Glockenblumenblau
im Fahrtwind bläht sich
ihr Sommerrock

im "Sommergras" Vierteljahresschrift der DHG September 2010


 
Flying seagull --
a boy
pulling the line

Asahi, 5. Februar 2010






Tauben füttern 

das neue Kunstobjekt
sieht beschissen aus.

im "Sommergras" Vierteljahresschrift der DHG März 2009



Morgendämmer
das Dammwild unterwegs
in der Loipe

im Jahrbuch 2009 "Spuren der Wasserläufer" (Haiku heute)




Windstille 
ein Schmetterling streift
meine rechte Wange



Calm --
a butterfly touches
my right cheek

ALBATROS Nr. 12/13 2009



Eisdiele 
sie redet und redet und
sein Schnurrbart zuckt

deutsche Version SPERLING Nr. 67 - 22. Mai 2008


 
ice-cream parlour --
she never stops talking and
his moustache twitches



schlaflos 
im Mondlicht bauscht sich
die Gardine

Haiku heute Jahrbuch 2008 "Lauschen der Bach"






Am Seggenhalm 
die Libelle
kurz vorm Jungfernflug



blade of sedge --
the dragonfly just before
maiden flight

englische Version am 13.08.2007 bei Mainichi  (No. 698)



Die Kamera lädt
und der Falter
flattert einfach fort.



The camera boots up
and the butterfly
simply flitters off.

im WHC German "World Haiku Review" 14.06.2007



Nach dem Regenguss –
von Schnecke zu Schnecke tritt
die alte Dame.

im saijiki auf haiku.de



Kurpromenade –
die Dame und ihr Mops
tragen Pepita



spa promenade --
the lady and her pug
wearing hound's-tooth





Sommerhitze 
im Gehäuse der Meeresschnecke
das Flüstern des Ozeans 



Sommerurlaub –
der Punkt am Tunnelende
wird langsam größer

in Haiku 2007 Anthologie der DHG



flirrende Hitze –
mein Schatten
geht eigene Wege



wachsbleicher Mond –
aus dem Röhricht fliegt
ein Mottenschwarm



Qi-Gong am Morgen 
über dem Rasensprenger
ein Regenbogen

im saijiki auf haiku.de 19. Juni 2006



Donnerstag, 27. Mai 2021

Haiku – Herbst




AG-Besprechung
ein Tropfen am Fenster
zögert

im "Sommergras" der DHG Nr. 119 Dezember 2017



Michaelistag
die Litanei zwischen ihr
und dem Toten

im Jahrbuch 2017 "Leichte Fracht" (Haiku heute)



Marienfäden
fürs ungeborene Kind
ein Kleidchen stricken

im Jahrbuch 2016 "Südwind" (Haiku heute)






trübe Gedanken —  
der angeschwemmte Spiegel  
zeigt mir den Himmel  



gloomy thoughts —
the mirror washed up
shows me the sky

Chrysanthemum Nr. 16. Oktober 2014 



Blitz und Donner
deine Hände
verändern meine Welt

Haikuscope 27. Woche 2014



Gänse rufen
im SPAM-Ordner Reisen
rund um die Welt

im Jahrbuch 2013 "Entropie der Worte" (Haiku heute)




Regenpfützen -
für uns nur ein Schritt
zum Mond.

Haikuscope 15. Woche 2012



ein graues Haar
von den Bäumen blättern
Herbstfarben

im Jahrbuch 2011 "Regler ins Weiß" (Haiku heute)






Draußen auf der Bank
Der leuchtend gelbe Kürbis
sieht sich die Nacht an

im saijiki auf haiku.de des HHV



Goldgelb die Birke
im letzten Licht der Sonne.
Noch tanzen Mücken...

im saijiki auf haiku.de des HHV



Herbstwehen
der steinerne Fisch
spuckt auf den Mond

Haiku Heute Ausgabe November 2010






Flying seagull --
a boy
pulling the line

ASAHI HAIKUIST NETWORK 05.02.2010




Nebelschleier –
der Aalfischer leert
seine Reusen

im "Sommergras" Vierteljahresschrift der DHG Dezember 2009



Pusteblumen
im Spinnennetz
gefangen



sanfter Herbstwind
entlang des Weges
Birken im Mondlicht



Dieser kleine Pilz
drängt die Blätter beiseite
Sieh - da sind noch mehr

im saijiki auf haiku.de des HHV



Herbststurm –
wortgewaltig
der Nachbar am Stammtisch



verlassener Hof
rot leuchten die Äpfel
im Gras



abandoned farm --
red apples glowing
in the grass
 
im WHC German World Haiku Review“ 15.09.2008






Früher Herbst –
noch glitzert es
im Spargelkraut



early autumn --
still a glint
in the asparagus fern

im WHC German "World Haiku Review" 01.10.2007



Gelber Ackersenf
von der Sonne beschienen –
Kilometerweit

im saijiki auf haiku.de




Selbsthilfegruppe –
die vielen Kerne
im Granatapfel



self-help group --
in the pomgranate
many seeds

Deutsche Version: im Jahrbuch 2007 "Große Augen" (Haiku heute)



Im Kletterwald
ein Herbstblatt fällt
... so tief.

im Jahrbuch 2007 "Große Augen" (Haiku heute)




Mittwoch, 26. Mai 2021

Haiku – Winter




die Puppe
unterm Weihnachtsbaum
mit Mundschutz



wie der Schnee wächst
in meiner Erinnerung
klarer Mond



the snow growing 
in my memory
clear moon

Chrysanthemum No. 17. April 2015



Schokoladenmund 
sie umarmt
den Schneemann

im Jahrbuch 2012 "Träume teilen" (Haiku heute)



düstere Wulken –
dat knackert un knistert
in us Teekopke

dunkle Wolken 
das knackt und knistert
in unserer Teetasse

im Jahrbuch 2012 "Träume teilen" (Haiku heute)







steife Wäsche
die weiße Brandung
über dem Riff

im Jahrbuch 2011 "Regler ins Weiß" (Haiku heute)



Herbstwehen
der steinerne Fisch
spuckt auf den Mond

im Jahrbuch 2010 "Kirschblütenwind" (Haiku heute)



Eisglatte Straßen 
eine Frau im Morgenrock
füttert die Hühner

im Jahrbuch 2008 "Lauschen der Bach" (Haiku heute)




ausgeliebt 
die Kälte deiner Worte
unvergessen



Frostiger Morgen.
Neben dem alten Kuhstall
dampft ein Misthaufen.

im Jahrbuch 2007 
"Große Augen" (Haiku heute)



Schneesturm –
im Kinderzimmer fallen
die Daunen

im Jahrbuch 2007 "Große Augen" (Haiku heute)



Eisglatte Straßen –
eine Frau im Morgenrock
füttert die Hühner.



black ice on the roads
a woman wears her bathrobe
and feeds the chicken



Dicke Schneedecke –
vorübergehend schließen
die Winterlinge

im saijiki auf haiku.de



In jedem Tropfen
am kahlen Birkengeäst
ein silberner Mond

im saijikiauf haiku.de




Dienstag, 25. Mai 2021

Haiku – ohne kigo




Wetterwechsel
die beiden alten Schwestern
streiten wieder

im "Sommergras" der DHG Nr. 121 Juni 2018



gespreizte Flügel
in ein Lächeln verpackt
kantige Worte

im Jahrbuch 2017 "Leichte Fracht" (Haiku heute)






Sterne -
der Wunsch zu wissen
was da ist

Haikuscope 50. Woche 2013



geheime Wünsche
in der Mondschale ruht
die dunkle Seite

im Jahrbuch 2014 "Unter dem Milchschaumherz" (Haiku heute)



Schwesternstreit
das Kräuseln ihrer Nase
wie Vater

im Jahrbuch 2014 "Unter dem Milchschaumherz" (Haiku heute)



Rumba in Moll
vom Chiffon umschlungen
sein rechtes Bein

im Jahrbuch 2014 "Unter dem Milchschaumherz" (Haiku heute)



stars - 
the desire to know
what there is

Haikuscope 50. Woche 2013



Aknenarben –
meine Gedanken kreisen
um den Mond

im Jahrbuch 2013 "Entropie der Worte" (Haiku heute)






schwindendes Licht –
heute wusste sie
wer ich bin

im Jahrbuch 2012 "Träume teilen" (Haiku heute)



Studienbeginn –
dem Molekülmodell fehlt
eine Verbindung

im Jahrbuch 2012 "Träume teilen" (Haiku heute)




unbemerkt
eingeschlafen für immer
sein Lächeln

im "Sommergras" Vierteljahresschrift der DHG Juni 2008



erste Party
mit Mutters Schminke

im Jahrbuch 2007 "Große Augen" (Haiku heute)



Montag, 24. Mai 2021

Tanka

Tanka





Einunddreißig Februar 2021



Feld für Feld 
male ich das Mandala 
aus 
auch die Beziehung 
unserer Freunde

Einunddreißig Februar 2021



zwei rechts, zwei links 
er liebt mich, er liebt mich nicht... 
und wieder zurück 
das Flüstern der jungen Frau 
bis der Faden endet

Einunddreißig August 2020



wie sie glänzen 
die tiefroten Äpfel 
in Nachbars Garten 
schon strecke ich meine Hand 
ganz Eva im Paradies 

Einunddreißig August 2020



wäre ich ein Vogel 
würde ich hinauf fliegen 
zum Tor des Olymp 
einmal den Göttern lauschen 
an der Schwelle von Tag und Nacht 

Einunddreißig Februar 2020



dieser sanfte Blick 
meines kleinen Großkindes 
wenn er etwas will 
da sollte ich zuweilen 
eine Rüstung anlegen

Einunddreißig Februar 2020



zwischen den Wolken 
dreht sich das kleine Mädchen 
im Apfelgarten 
die weiß gestrichene Bank 
immer schon mein Lieblingsplatz 

Einunddreißig Mai 2019



aufgeplatzt 
längst vergangene Wunden 
in die Erde 
lege ich Samen um Samen 
für eine gute Zukunft 

Einunddreißig Februar 2019



nach dem Gewitter 
so leicht und frei fühl ich mich 
an der frischen Luft 
wie das Laub der Bäume 
von Staub und Schweiß befreit 

Einunddreißig Februar 2019



im Geigenkasten 
nur eine kleine Münze 
als Lohn 
in hohen Tönen klingend 
die Wehmut schwerer Tage 

Einunddreißig November 2018





Einunddreißig Mai 2018



ein Herbstabend 
mit den Fotos der Kinder 
so bunt wie Laub
nach dem eigenen Geschmack 
kleiden sie sich jetzt dunkel 

Einunddreißig Mai 2018



im ersten Frost 
an der alten Stadtmauer 
späte Rosen 
Schutz und Halt suchend 
zwei betagte Marktfrauen

Einunddreißig November 2017



im Wind des Meeres 
duftet das leuchtende Gelb 
der Ginsterbüsche 
am heutigen Tag lauter 
die Stimmen der Möwen 

Einunddreißig August 2017



die alte Vase 
mit den blühenden Veilchen 
zusammengeklebt 
wie das Leben der Tante 
vor den Leuten besteht 

Einunddreißig Mai 2017





Einunddreißig Februar 2017



ein lautes Kreischen 
in der Stille des Waldes 
meine Gedanken 
zählen die Jahresringe 
dieser alten Esche

Einunddreißig November 2016



Rücken an Rücken
mit dem Stamm der alten Linde
schrumpfe ich
unter den Jahrhunderten
zur Eintagsfliege




back to back
with the trunk of the old lime
I shrink
under centuries
to a mayfly

Chrysanthemum Nr. 20. Oktober 2016



losgelöst 
auf Wolken getragen 
einen Sommer lang 
und als der Winter kam 
ausgerutscht 

Einunddreißig Mai 2016



ihr nacktes Gesicht
wenn er sie morgens weckt  
bevor
sie wieder Schicht für Schicht
Farben aufträgt

Einunddreißig Mai 2016



her bare face
when he wakes her in the morning
before
she applies layer by layer
colors again

Chrysanthemum Nr. 18. Oktober 2015 



lautstark 
noch hat er es zu sagen 
Vater 
zu einem Terrier geworden 
in seinem hohen Alter

Einunddreißig August 2015



diese Dunkelheit 
wenn der Mond sich verbirgt 
schluckt alle Farben 
so denke ich an den Tag 
den Raps im Sonnenschein

Einunddreißig August 2015





Einunddreißig Mai 2015




Frühlingsduft –
unermesslich die Zahl
der Sterne
doch es ist das Mondlicht
das dein Lächeln vertieft

Einunddreißig, Februar 2015



Blütenblätter
vom strömenden Regen
gemeinsam
mit meinen Gefühlen  
in die Gosse gespült into the gutter 



pouring rain
petals
washed with
my feelings
into the gutter

Chrysanthemum Nr. 16. Oktober 2014  




unausweichlich 
das Zirpen der Zikaden 
im Abendwind 
kommen die Erinnerungen 
an den toten Bruder 

Einunddreißig, November 2014



Parallelwelten – 
manchmal scheint es mir gut 
den Weg 
zu kennen, um manchmal 
dort auszusteigen 

Einunddreißig, August 2014



wie eiskalter Wind 
in meinem Nacken 
immer noch 
wenn jemand mit 
deiner Stimme spricht 



as icy wind
in my neck
still
whenever someone speaks
with your voice

Chrysanthemum 15, April 2014



einsam 
unter Menschen 
allein
die Spinne in der Ecke 
seilt sich zu mir herab 

Einunddreißig, Februar 2014



zu alt 
für wilde Kinderspiele 
zu jung 
für den Winter 
in meinen Knochen 

Einunddreißig, November 2013



Ostwind
auf den Spuren unserer
Vergangenheit
die alten Bäume hörten
Anne Franks Lachen

Einunddreißig, August 2013



laut Wetterbericht
ein sommerlicher Tag
doch am Ende
zieht ein Gewitter auf
zwischen dem Liebespaar

Einunddreißig, August 2013



gefangen
in meiner Magengrube
ein Vogel
heute öffne ich ihm
die Tür ins Freie

im Sommergras der DHG Nr. 90, September 2010



Weidenblüten
in der Frühlingssonne
unwillkürlich
zucke ich zusammen
im Schlagschatten des Windrades

im Sommergras der DHG Nr. 89, Juni 2010



eine Wiese
hast Du mir gesät
immerhin
jetzt warte ich
auf den Sommer

April 2010


am Bahnhof
...die Tränen
nimmt der Regen mit
im Gepäck
mein alter Teddy

im Sommergras der DHG Nr. 83, Dezember 2008







Rezension Brigitte ten Brink

Weggefährten

Silvia Kempen und Gabriele Hartmann: Weggefährten. Foto-Tanka-Strecke. Erschienen im bon-say-verlag 2021. ISBN978-3-945890-29-5
Zu beziehen unter info@bon-say.de

„Weggefährten“ lautet der Titel dieses Partnerprojektes von Silvia Kempen und Gabriele Hartmann. Weggefährtinnen sind auch sie. Seit vielen Jahren widmen sich SK und GH, so ihre Autorenkürzel, gemeinsam der japanischen Partnerdichtung und schreiben Rengay, Doppel-Rengay, Tan-Renga und nun diese Foto-Tanka-Strecke. Die lose miteinander verknüpften Fixpunkte dieser Strecke sind die Fotos und die Tanka, jeweils zwölf an der Zahl, abwechselnd von den beiden Autorinnen verfasst und durch die in der japanischen Partnerdichtung bekannten Regeln „Link“  und „Shift“ miteinander verknüpft. 
Auf den linken Seiten des Büchleins präsentieren sich die Fotos, auf der rechten Seite das von dem jeweils vorhergehenden Foto inspirierte Tanka, an das sich ein Foto derselben Autorin anschließt:  So ist der Startpunkt der Strecke ein Foto von SK, dem ein Tanka und ein Foto von GH folgt. SK antwortet auf das Tanka und das Foto ihrer Vorgängerin wiederum mit einem Tanka und einem Foto und so fort bis die Strecke im letzten Tanka zu ihrem Endpunkt kommt, der durch einen Rücklink eine Brücke zum Startfoto und dem daran anknüpfendem ersten Tanka schlägt.

Foto 1 (SK)




Tanka 1

die Rille
dieser Schallplatte – auch sie hat
Anfang und Ende
woran ich nicht denken mag
mitten im Song „Eternity“ *
GH

Foto 12 (GH)




Tanka 12

Lockdown –
Musik von nebenan
durch die Lücke
der neue Nachbar trainiert
mit nacktem Oberkörper
SK

Beim Betrachten der Fotos und Lesen der Tanka wird der Leser ebenfalls zum Weggefährten. Er schreitet mit den Autorinnen von Foto zu Tanka zu Foto zu Tanka … und auf diesem Pfad wird er immer wieder angezogen und überrascht von den visuellen und sprachlichen Einfällen der Verfasserinnen bis hin zum Endpunkt, der als Wegweiser zurück zum Startpunkt fungieren kann, um diesen Spaziergang noch einmal zu machen (was ich zum Beispiel sofort getan habe). Angedeutet ist diese Möglichkeit auch in dem in zarten Grautönen gehaltenen Coverfoto „Labyrinth“ von Gabriele Hartmann. Ist es in der griechischen Mythologie der Faden der Ariadne, der den Weg weist, sind es in dem Buch die Verknüpfungen (Links) der fortschreitend entstehenden  Ebenen (Shifts), die dem Leser auf dieser Strecke immer wieder neue Perspektiven öffnen, ihn auf weitere Aspekte hinweisen, bis sich der Kreis am Ende schließt. 
Unterwegs auf dieser Strecke begegnen dem Leser wunderbar fotografierte Impressionen und eindrücklich formulierte Texte mit einer großen inhaltlichen Spannbreite.  Geschrieben wird über Emotionales (die Unbändigkeit des frisch Verliebtseins), individuell Erlebtes (die Beobachtung eines Jungen, der mit seinem Vater einen Drachen steigen lässt), die aktuelle reale gesellschaftliche Situation (Inzidenzwerte googeln) bis hin zu gesellschaftlichen Phänomenen (der Boom von Onlinepartnervermittlungen). 

statt Wetterbericht
Inzidenzwerte googeln –
die Treppe hoch
für die nächsten Monate
unsere Arche
SK

ich schärf mein Profil
denn alle 11 Minuten
verliebt sich ein Single
auf Parship … und frag mich doch
wie’s mit der Gegenliebe steht
GH 

Jedes dieser prägnanten und ausdrucksstarken Tanka kann für sich alleine stehen. In der Verbindung mit den Fotos und in den Verbindungen der Fotos und der Texte untereinander entsteht jedoch ein poetisches Gesamtwerk, das Gänsehaut hinterlässt, ein Hingucker ist und das noch genügend Spielraum für die Phantasie und die Auslegung des Lesers lässt – 
lesenswert von der ersten bis zur letzten Seite. 
 
Im Anhang geben Silvia Kempen und Gabriele Hartmann einen Einblick in ihre Vorgehensweise bei der Anordnung der Fotos und der Texte, ihren Verknüpfungspunkten, sowie eine Erläuterung zum Wechsel der Ebenen und ihren Themengrundlagen. Interessierte können sich von Gabriele Hartmann eine Excel-Tabelle mit der detaillierten Auflistung der jeweiligen Links und Shifts unter info@bon-say.de schicken lassen.   

*„Eternity“ ist ein Songtitel von Robbie Williams 



Rezension Rüdiger Jung

Silvia Kempen & Gabriele Hartmann
Weggefährten. Foto-Tanka-Strecke
bon-say-verlag, 2021. ISBN 978-3-945890-29-5


Immer wieder gelingt es Gabriele Hartmann – und ihren Ko-AutorInnen – auf dem Gebiet der Kurz- und Partner-Dichtung nach japanischem Vorbild Neues und Wegweisendes zutage zu fördern. Auch im Falle dieser „Foto-Tanka-Strecke“, der so erhellende wie inspirierende Zeilen zum Bau- und Kompositions-Prinzip dieser Art von Poesie zur Seite gestellt sind. Gegängelt oder bevormundet wird der Leser dadurch keineswegs : Die vorliegenden Tanka haben durchaus die Kraft, alleine zu (be)stehen.“ Wobei sie zumindest dazu tendieren, mit den unmittelbar benachbarten Fotos im Auge des Betrachters eine enge Symbiose einzugehen. Den Reiz gemeinsamen Schreibens und Veröffentlichens macht dabei aus, das durchaus unterschiedliche Charaktere zusammenkommen:

du bist wie Feuer
und die Finger möcht’ ich mir
verbrennen, sagst du
– da verlier ich Kopf und Herz
ans sonst so stille Wasser                   (GH)

Bei folgendem Tanka fasziniert mich die vierte Zeile als Dreh- und Angelpunkt: sie kann in gleicher Weise auf die ersten drei Zeilen wie auf die letzte bezogen werden:

hellbraun
die Augen des Jungen
hin und her
an der Leine des Vaters
wiegt sich ein bunter Drachen               (SK)

Das durch den Umschlag der „Weggefährten“ sehr prägende Labyrinth-Motiv kulminiert in folgendem Tanka – an der Seite eines eindrücklichen Fotos:

auf jeder Kreuzung
hab ich mich klar entschieden
doch dreh ich mich um
sind verworren die Fäden
an denen ich hänge                  (GH)

Selbst der lebensrettende Ariadne-Faden kann einen folglich zur Marionette machen! In einer besonderen Beziehung zum benachbarten Foto steht auch das Tanka‚ mit dem ich meine kleine Betrachtung beschließen möchte:

in der Dunkelheit
drei Tage und drei Nächte
bis am Ende
die Sonne wieder aufgeht
ist mein Name Arielle                (SK)

Vom abschließenden Namen eines Luftgeists in seiner weiblichen Lautung abgesehen steht das Tanka ganz in einem biblischen Assoziationsfeld: jenem des Jona-Buches. Der Türgriff auf dem Foto zeigt den Wal-„fisch“, der Jona verschlingt. Matthäus 12, 40 liest das Jona-Buch zeichnishaft für Kreuz und Auferstehung Jesu. Ein durchaus österliches Motiv, wenn „am Ende / die Sonne wieder aufgeht“!



Sonntag, 23. Mai 2021

Haibun










Frühstücksbuffet 

Zwei ältere Damen. Anscheinend kennen sie sich. Eine von ihnen drückt den Zeigefinger in verschiedene Brötchen. Sie beugt sich zurück und sagt „Diese sind weich.“ Dann, eine Unterhaltung ー es geht um Socken. Der Zipfel des Halstuches dippt in den Salat. Wird notdürftig abgewischt. Vor dem Käse wird ausführlich beraten, welcher mild, pikant oder kräftig sei. Die Aussprache ー ein wenig feucht. Regen glitzert in der Morgensonne läuten Kirchglocken Die Schlange wird länger. Der Ruf von hinten „Kann es mal weitergehen?“ wird nicht gehört. Nachdem die Nase der zweiten Frau fast in der roten Grütze landet, sind wohl beide fertig. Sie gehen an ihren Tisch.
 
    Gründonnerstag 
    im Getümmel ganz für sich 
    Freundinnen 

Auch ich gehe an meinen Platz. Auf dem Teller ー so gut wie nichts. 

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(bei Chrysanthemum Nr. 21. April 2017)





Johanna 

Mein erster Gedanke: Ein chinesisches Püppchen. Mit geschlossenen Augen, glänzendem schwarzen Haar. Drei Tage alt und ich darf sie halten. Es ist schon so lange her … ! Samtweich. Ihr Duft. Diese Schwere bei vollkommener Entspannung, diese Wärme an meiner Schulter. Als ich sie wieder abgebe, ist es plötzlich ganz kalt. 

    Fütterungszeit ― 
    im Flussbett die ersten 
    Hungersteine* 

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*Findling, oft mit Jahreszahlen versehen, um an Niedrigwasser mit schlechtem Ernteausfall zu erinnern. 
(bei Chrysanthemum Nr. 18. Oktober 2015)





Wetterfest 

Nur das Gesicht mit großen blauen Augen und die Hände schauen aus dem Regenanzug. „Soll ich Dir zeigen, wie man in den Himmel springt?“ fragt die kleine Gestalt. Noch ehe ich antworten kann, ist es passiert … 

    die Arme weit — 
    vom Birkenast erhebt sich 
    eine Taube

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(bei Chrysanthemum No. 17. April 2015)





Herbstliebe

Ein Duftpotpourri. Gebrannte Mandeln, Fischbrötchen, Bratwurst, … Dazwischen Dosenwerfen, Losbuden, Fahrgeschäfte, …

    auf den Rücken
    der Karussellpferde
    Oma und Opa

Er hat sie hinauf geschoben. Ihr Lächeln – dankbar und liebevoll. Sein Bein mit einem Schwung – und er war neben ihr. Kerzengerade.

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(im Sommergras der DHG Nr. 107, Dezember 2014)





Auf der Mosel 

Traben-Trarbach. Wir kaufen Fahrkarten für das Schiff nach Bernkastel-Kues. Bis zur Abfahrt ist noch Zeit. Gegenüber der Straße ein Museum* . Schwäne, weiß und grau. Die andere Flussseite im Blick des Buddha. Geschlossen! Also zurück. Man kann schon an Bord gehen. Wir nehmen auf dem Oberdeck Platz, obwohl es für Ende August kühl ist. Zwanzig Minuten später beginnt die Tour. Der Kapitän erklärt Orte und Weinberge, mal links, mal rechts. Zwischendurch wird angelegt, um weitere Passagiere aufzunehmen. 

    Dunkle Weintrauben 
    unter ziehenden Wolken 
    eine Sonnenuhr** … 

Auf hohen Betonpfeilern ragt eine angefangene Brücke in den Himmel, die Hochmoselbrücke. In ihrem Schatten, die Reben gerodet. Nach der Schleuse noch Himmelreich** , Domprobst** und Abtsberg** . Von weitem schon die Burgruine Landshut. Schließlich ist der Zielort erreicht. 

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*Das Buddha-Museum am Flussufer beherbergt eine europaweit einmalige Dauerausstellung zur buddhistischen Ikonographie mit ca. 2000 Buddha-Figuren. 
**Bekannte Weinlagenbezeichnungen
(bei Chrysanthemum Nr. 16. Oktober 2014)





Ave Maria 

Wolkenloser Himmel. Jasminduft. Mit geschlossenen Lidern das Gesicht der Sonne darbieten, auf einer Bank unter zwei Eichen. Aus der nahen Kirche Orgeltöne und dann diese helle Stimme. Ich sehe den Engel an der Kirchendecke, den Altar mit zwei Blumensträußen, die rauchblauen Bänke, links die Kanzel und hinten die Empore mit der Orgel. Ich schrecke auf, am Kirchentor reihen sich junge Frauen zum Spalier. Über sich rosa und weiße Hula-Hoop-Reifen. Im Glockenturm rumort es, gleich fangen die Glocken an zu läuten … 

    die Braut 
    die das Band durchschneidet 
    bin ich 

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(bei Chrysanthemum 15, April 2014)





Stille Gebete 

Ein grauer Kasten. Von Wald und Heide umgeben. Das Dokumentationszentrum Bergen-Belsen. Schwer öffnet sich die hohe Tür. Halbdunkel. Bildschirme. Stimmen. Überlebende erzählen. In großen Schaukästen Bilder und Informationen. Aus dem Lagerleben. Von den Zuständen. Über Personen. Manchmal gehe ich schnell weiter. Auf den laufenden Dokumentationsfilm nur ein kurzer Blick, mehr geht nicht. Wieder draußen. 

    Allein 
    mitten im Beton 
    ein Gänseblümchen 

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(bei Chrysanthemum 14, Oktober 2013)





Mittendrin

Massengräber. Dazwischen auf einer Grasfläche Gedenksteine. Auf ihnen türmen sich Kieselsteine.
Im Hintergrund ein Obelisk, die Inschriftenwand und das jüdische Mahnmal.
Am Rand, gerade außerhalb der ehemaligen Lagergrenze, ein kleines Gebäude aus Chromnickelstahl, Glas und Granit.

gefangen
im Haus der Stille –
Brombeerblüten

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(im Sommergras der DHG Nr. 102, September 2013)





Ferne Länder

An der Pinnwand Ansichtskarten vom Flohmarkt. Abgegriffen. Die fremden Handschriften schon lange vertraut.

    Sternschnuppen –
    noch eine Feder
    für den Traumfänger

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(im Sommergras der DHG Nr. 101, Juni 2013)




Flügge 

„Keine Widerrede, du bist noch keine 18!“ „Aber bald“, flüstert sie. „Was hast du gesagt?“ „Nichts.“ 

    scharfer Wind — 
    der junge Spatz erprobt 
    seine Flügel 

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(bei Chrysanthemum  13, April 2013)





Mutter erzählt

Donner und Blitz. Ein Krachen. In der Ofenecke — Großmutter. Ihre Hände auf der Schürze gefaltet. Sie betet. Das macht sie bei jedem Gewitter. Wir Kinder, fünf an der Zahl, am Küchentisch — mucksmäuschenstill. Wieder ein Blitz. Wir zucken zusammen. Jochen, mein kleiner Bruder, schiebt seine Hand in meine Hand. Seine Augen geschlossen. Das Kerzenlicht flackert. Endlich werden die Abstände größer. Dann ist Ruhe. Wir atmen auf.


    Noch heute
    höre ich den Schrei
    der Buche

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(bei Chrysanthemum 12, Oktober 2012)





Kälte

Sonntag, kurz vor sieben. Nur wenige Leute sind unterwegs. Angenehm, diese Stille – nur der Wind pfeift mir hinterher, und bei jedem Schritt raschelt Herbstlaub. Die Straßenlaternen leuchten noch.
Beim Eintreten die Ladenglocke mit einem schönen guten Morgen. Zehn Brötchen und eine Tageszeitung bitte. Der neueste Klatsch geht mit dem Wechselgeld über den Tresen. Auf Wiedersehen!
Ich freue mich schon auf unser Frühstück.

    am Kioskfenster
    eine Suchmeldung:
    die kleine Klara vermisst

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(im Sommergras der DHG Nr. 95, Dezember 2011)





EinSicht

Mein Zug fährt noch nicht. Ich setze mich in die Vorhalle.
Lautsprecherdurchsagen. Menschen eilen zu den Gleisen oder zum Ausgang. Kleine Gruppen oder auch Einzelne wie ich, die warten. Hier und da ein paar Wortfetzen, Kichern, das Rollen von Koffern.
Zwischen Bäcker und Zeitungsladen hin und her ein Mann von hagerer Gestalt, äußerst gepflegt, frisch gestutzter Bart, altmodischer Mantel und eine schwarze Tasche unter dem Arm. Er geht sehr aufrecht, aber dennoch etwas schwerfällig. Das lenkt meinen Blick auf Beine und Füße. Die Hose etwas kurz, die Schuhe zu weit. Weiße Socken? Ich schaue genauer hin und erschrecke. Es sind Verbände, sie sehen blutig aus. 
Ich suche sein Gesicht.

    fremdes Lächeln
    zu Hause wartet
    warmer Kakao

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(im Sommergras der DHG Nr. 92, März 2011)





Zeitreise

Über dem Parkplatz der Geruch offener Feuerstellen. Der Edelmann im Festtagsgewand kassiert 18 „Taler“ von jeder Person. Ein  überdimensionaler Torbogen aus Pappmaché. Durch ihn betreten wir das Mittelalter.
Rechts und links der Wege befinden sich die unterschiedlichsten Verkaufsstände. Dort werden Schnitzereien, Lederwaren, Schmuck, Schmiedearbeiten, Met,  Brot und vieles mehr angeboten. Vor der Gaststube dreht der Wirt in seiner grünen Tunika den Spieß mit dem Ochsen. Die Gastwirtin mit Haube und langer Schürze gibt einem Mädchen Anweisungen. Die Fleischstücke, die sie den Gästen serviert, duften zu uns herüber.
Nach dem letzten Stand öffnet sich der Blick auf die tiefer gelegene ritterliche Zeltstadt. Dort sieht man kleine Rauchfahnen aufsteigen. Seitlich liegt der große Turnierplatz. Ihn umgibt hufeisenförmig die Tribüne, auf der sich schon viele Menschen drängen. Die Menge jubelt. Als die Fanfare erklingt, atemlose Stille und schon reiten zwei Ritter in voller Rüstung mit ihren Lanzen aufeinander zu. Staub wirbelt auf. Im Takt der Pferdehufe die Hammerschläge des nahen Schmieds.
Ein Bettler in löchriges Sackleinen gekleidet rempelt mich an und grinst mit seinem zahnlosen Mund. An der nächsten Ecke die Stimme des Minnesängers. Schon von weitem fällt er in seinem roten Wams mit weißer Strumpfhose auf. Mit der Klampfe begleitet er seine vorgetragenen Verse.
Auf einer Wiese lässt der Falkner seinen Vogel aufsteigen. Mit dem Blick folge ich ihm.

    Zur Burgruine
    in der Mittagssonne
    zwei Schmetterlinge

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(im Sommergras der DHG Nr. 86, September 2009)





Betriebsausflug

Fast Mittag. Pünktlich sind wir am Stand unseres Wattführers, im Hafen von Nessmersiel. Eine kurze Vorstellung mit einigen Anweisungen und los geht es, über das Spülsiel auf dem Erlebnispfad durch die Salzwiese bis zur Abbruchkante.

    Strandflieder
    dunkle Wolken
    ziehen

Die letzte Möglichkeit zum Wechseln der Schuhe. Der Boden wird rutschig und schon sinken wir bei jedem Schritt bis zur Wade ein.

    Möwen
    leichtfüßig
    über das Wattenmeer

Der erste Priel ist recht flach und weitere folgen. Zwischendurch werden Fragen beantwortet und Informationen gegeben. Parallel zur Austernbank gehen wir weiter. Beim Durchqueren wäre die Verletzungsgefahr zu groß. Dann müssen wir durch das Fahrwasser, es ist tief  zu tief. Der Wind treibt das Wasser zurück, das höher steht als üblich. Ein ganzes Stück weiter östlich versuchen wir erneut den Übergang. Geschafft! Fast alle sind bis zum Po durchnässt.

Noch einen Kilometer über Sand und schließlich den Strand hinauf zur Insel...

    Heimfahrt
    Prikken*
    weisen den Weg

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* Prikken = eingerammte Birken, die bei Hochwasser das Fahrwasser markieren.
(im Sommergras der DHG Nr. 84, März 2009)





Ohne Worte ...

Mama und ich in Atlanta. Wir sind für zwei Wochen Gäste der Familie, deren Au-pair-Mädchen meine Nichte ist. Sie betreut zwei Jungen im Alter von zwei und vier Jahren.

Der Kleinere spricht kaum und wenn dann nur einzelne Begriffe wie Dadda = Papa, Babba = Opa, Buh = Gespenst (vor kurzem war Halloween) oder Boo = Schiff. Meine Mutter kann kein Englisch, aber die beiden verstehen sich vom ersten Augenblick an. Jeder weiß oder ahnt, was der andere möchte.

Gemeinsam schauen sie sich Fotos oder Bilderbücher an, die Mahlzeiten werden nebeneinander eingenommen und beim Spaziergang gehen sie Hand in Hand.

    Indian summer
    über den Zaun
    ein Lächeln

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(im Sommergras der DHG Nr. 82, September 2008)





Füße im Sand

Siebenundzwanzig Grad Celsius und blauer Himmel. So schallt es aus irgendeinem Radio. Ich lehne mich zurück und beobachte meine Umgebung.

Der Bärtige schräg hinter mir liest die Tageszeitung. Hingebungsvoll cremt der junge Mann unter dem bunten Sonnenschirm den Rücken seiner Freundin ein. Die Rasselbande vor dem Kiosk belagert ihren Vater. Auf dem Volleyballfeld kommt es bei Teenagern der einen Mannschaft zu Streitereien und weiter vorn, das zierliche Mädchen ruft Ich komme!“.

Es rennt an der Mutter vorbei, die ganz in der Nähe steht. Ein älteres Ehepaar nickt ihr lächelnd zu, geht dann aber weiter.

Ätsch, du bist zu langsam“, ertönt schon wieder die glucksende Stimme der Kleinen. Immer hin und her. Auch andere Spaziergänger schauen dem Treiben eine Weile zu.

    Ein Sommertag
    Fangen spielen
    mit dem Meer

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(im Sommergras der DHG Nr. 80, März 2008)